Der Nachfolger von Michiel de Ruyter

Niederländer gewinnt seinen ersten Schachboxkampf in Übersee

Champion of the Commonwealth
von Rob Savelberg

LONDON – In der Höhle des Löwen, im aus allen Nähten platzenden Boston Dome in London, hat Hubert van Melick den Schachboxgiganten Hector Gomez geschlagen. Genau wie die Seefahrerlegende Michiel de Ruyter im Jahre 1667 bezwang der baumlange Van Melick seinen Gegner auf eigenem Boden. Damit tritt der Amsterdamer in die Annalen ein, als erster niederländischer Meister in Übersee.

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Dem imposanten Körper von Hubert van Melick ist der Kampf noch anzusehen. Blaue Flecken überall. Er wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Seine langen Haare kleben am Kopf. Herzschlag hundertachtzig. Der neunzig Kilo schwere Sportler kann kaum fassen, was gerade geschehen ist: Der Schachschiedsrichter hat dem schauderhaften Fight mit Gomez, jenem ‚Box-Beast’ aus Plymouth, ein Ende gesetzt. Van Melick (32) ist Chess Box Champ – es ist der erste niederländische Sieg im Commonwealth.

Nach einer starken Schacheröffnung mit den weißen Figuren wettete in der darauf folgenden Boxrunde kaum einer auf einen Erfolg für Van Melick: ,,Mein Coach sagte mir, dass ich schlecht kämpfte und die Initiative ergreifen sollte. Aber Gomez schlug mich knallhart in den Magen. Das war superheavy!“ Fast nie schlug Van Melick auf – oder gar durch – die Deckung seines Gegenübers, obwohl er, was Körpergröße und Armlänge betrifft, haushoch überlegen war. Gomez forderte seinen Opponenten mit hängender Deckung heraus und provozierte ihn immer wieder, indem er ihm sein Kinn zeigte. Aber dieser Gomez war blitzschnell. Jeden von Van Melick´s Luftschlägen konterte er mit einem grausigen linken Haken. Das Publikum hielt während dieser Phase den Atem an.

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Geld auf Gomez

Die britischen Bookmakers hatten vorab ihr Geld auf Gomez gesetzt, einen Butcher mexikanischer Herkunft. Van Melick ist im Boxen noch ziemlich unerfahren. Er wusste, dass 24 lange Minuten auf der Schachuhr stehen würden. Und dass der Saal über einem Pub im Bezirk Tuffnel Park Blut sehen wollte. Trotzdem bekam Van Melick Applaus – aus Respekt für seinen Mut, dem überlegenen Boxer Gomez entgegenzutreten. Der Niederländer hatte einige treue Fans aus Amsterdam mitgebracht, die sich mit Anfeuerungen nicht zurück hielten: ,,Hubert! Hubert! Hubert!“ Auch die Tanzschritte des kubanischen Referee Renaldo, Weltmeister a.D., wurden mit Jubel empfangen.

Die Hinweise von Coach Joe, einem legendären Boxtrainer aus London, und des mitgereisten Anhangs gaben Van Melick zusätzlich Kraft. ,,In der zweiten Runde waren die Punches immer noch hart, aber ich konnte sie besser wegstecken.“ Der niederländische Herausforderer versuchte konsequent, Gomez in die Ecke zu treiben, um anschließend zu klammern. Der gedrungene Gomez versuchte jedenfalls, die Entscheidung im Boxen zu erzwingen. Vergebens. Der Mann am Gong setzte dem ungleichen Boxkampf immer wieder ein jähes Ende.

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Auch im Schach profitierte der mit Schwarz spielende Engländer zunächst von einigen Fehlern Van Melick´s. Der gab eine Anfangs bessere Stellung nach einigen Runden unnötig ab. Es kam zu einem Höhepunkt, als Gomez zu einem frontalen Angriff über den Königsflügel ansetzte. Van Melick konnte seinen König kaum noch aus der Schusslinie halten. Er achtete vor allem auf die verschwindenden Sekunden. Van Melick: ,,Es ging um Zeitmanagement.“ Da tickte die Uhr: 57 Sekunden. 36 Sekunden. 17 Sekunden. 5 Sekunden. 4, 3, 2, 1, 0. Schluss. Aus. Ende. Die Erlösung war da, durch das Fallen der Schachuhrflagge. Der erste Sieg Hollands im heiligen Walhalla von The Boston Dome. Und Hubert van Melick gewann seinen ersten Kampf.

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Gigantenkampf

Der Amnesty-Fan war eines der ersten Mitglieder des London-Chess-Boxing-Clubs. Schon in Amsterdam spielte er Schach, mit seinen Freunden auf den Terrassen des ‚Grachtengurtels’. In the ‚Big Smoke’ kam das Boxen dazu. Der britische Schachboxguru Tim Woolgar sah das Talent des ‚langen Baumstammes aus Amsterdam’: ,,Ich brachte ihn in Kontakt mit Trainer Joe, einem der besten Lehrmeister des vereinigten Königsreiches. Der besorgte ab und zu Sparringpartner für Mike Tyson. Joe lehrte Van Melick vorauszuschauen. Er musste vorm Spiegel seine Boxangriffe einstudieren.“ Van Melick führte in den vergangen Wochen ein Eremitendasein: ,,Ich trainierte sechs Tage pro Woche. Habe anderthalb Monate keinen Alkohol getrunken. Keine Zigarette angefasst.“ Eine ideale Vorbereitung auf den Gigantenkampf mit Gomez.

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Nach dem überraschenden Sieg findet Van Melick endlich seinen Atem wieder. ,,Ich wohne seit sieben Jahren in London, habe Wirtschaft und Geschichte studiert. Während der Bankenkrise des vergangenen Jahres habe ich meinen Job bei einer Bank verloren. Jetzt arbeite ich im Schachladen von Großmeister Michael Pane.“ Dieses Geschäft ist übrigens der Favorit von Gari Kasparov. Pane kommentierte die Schachrunden – wie üblich in England mit viel Witz und Herz.

Michiel de Ruyter

Auch Schachboxpromotor Iepe B.T. Rubingh ist froh: ,,Der große Admiral Michiel de Ruyter zeigte im siebzehnten Jahrhundert schon, wie man die Engländer bezwingen muss “, sagt der ehemalige Geschichtsstudent. ,,London hatte damals gedroht, die niederländische Flotte zu versenken und die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen einzunehmen. Eine englische Armada lag auf der Themse vor Anker, und sie warteten auf günstigen Westwind“, so Rubingh, gebürtiger Rotterdamer. Nach Meinung des Erfinders dieses Hybridsports wandte De Ruyter ein Motto Johan Cruyffs an, dem größten Philosophen der Niederlande: ,,Angriff ist immer die beste Verteidigung.“ Und so kam es. De Ruyter fuhr mit hundert Schiffen über den Ärmelkanal und profitierte vom Ostwind. Er durchbrach die Eisenkette an der Mündung der Themse und fuhr in Richtung London. Dort lag die nichts ahnende englische Flotte und wurde von De Ruyter völlig überrascht. Die Schiffe Charles des II. wurden zerstört und die Niederlande vor einer britischen Invasion bewahrt.

Ein schöne Anekdote bei einem denkwürdigen Kampf in der strudelnden Arena voller halbtrunkener Schachboxhooligans in The Boston Dome. Iepe Rubingh: ,,Hubert van Melick ist ein Held. Er hat einen kühlen Kopf behalten. In einer aussichtslosen Situation hat er, genau wie Michiel de Ruyter, seinem Land einen großen Dienst erwiesen.“

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Die ganze Fotoreportage von James Bartisok findet ihrhier.