Ein Franzose siegt in Berlin

Es ist der erste Sieg eines Franzosen in der deutschen Hauptstadt seit Napoleon Bonaparte 1806 die Quadriga klaute und als Siegesbeute nach Paris brachte! Sebastien ‘Sergeant’ Willis hat Geschichte geschrieben – als stolzer Gewinner im Schwergewichtskampf der CBCB. In einer ungeheuer spannenden Apotheose hat er seinen Kontrahenten David Steppeler besiegt.

Die zwei Kämpfer haben beide einen Pass aus dem Land von Baguette und Bordeaux. Nichtsdestotrotz traten David, die Kampfmaschine aus Kreuzberg, und Sebastien, das Muskelpferd aus Paris, bei den 1. Prenzlauerberg Meisterschaften gegeneinander an. David brachte es auf stolze 94 Kilogramm, nicht schlecht für einen Vizevorsitzenden des Chess Boxing Club Berlins, der vorher noch 16 Pfunde mehr hatte. Der Riese von der Seine brachte ,,nur” 91 Kilos auf die Waage, dafür ist er 1,96 Meter gross und hätte mit seinen langen Linken David (1,83 Meter) auf Distanz halten können.

Kneipenprügelei

Der imposante ‘Dare Dave’ wurde vom Ringannouncer Jan jedoch nicht ohne Grund als ,,Rocker” umschrieben. Er schaffte es in der gesamten Partie, seinen Landsmann durch den Ring zu jagen. ,,Das reicht jedoch beim Schachboxen nicht aus. Mann muss den Krieg eben nicht nur im Ring, sondern auch auf dem Brett gewinnen”, sagte der anwesende Schachboxexperte Peter Sandhaus.

Das wusste Sebastien, der blonde Austauschstudent aus dem XIV. Arrondissement, natürlich ganz gewiss. Der Mann mit der langen Linken setzte konsequent auf Zeit, in der Hoffnung, dass er nicht zu Boden gehen würde. Es entstand eine wilde Kneipenprügelei, die einen Kampf zwischen den Hells Angels und die Bandidos ähnelte.

,,Jeder Stoss, ein Franzos!”

Das Publikum bei Platoon, wo der Hauptkampf erstmals seit der Schachboxtaufe 2004 wieder stattfand, feuerte seine Helden im Rausch an. ,,Deckung hoch!”, ,,klammern!”, riefen viele Sebastien zu, als der etwas zu nonchalant durch den Ring tingelte. Andere schrien: ,,Jeder Stoss, ein Franzos!” und wollten offenbar ausländisches Blut sehen. Sebastien wurde schmerzhaft bewusst, dass er an seine Defensive noch etwas arbeiten muss.

Aber der bekannte niederländische Fussballphilosoph Johan Cruijff wusste schon: ,,Der Angriff ist der beste Verteidigung. Ein anderer Ajax-Mann aus dem Matjesland an der Nordsee, Louis von Gaal, verkündet dagegen immer: ,,Man muss 100 % von der eigenen Kraft ausgehen, und seine Taktik nicht dem Gegner anpassen.”

,,Hier brennt das Brett”

Also verfolgte Sebastien seine Harakiri-Taktik und wusste wie ein japanischer Kamikazepilot durch die feindlichen Schlägen des Kreuzberger Kolosses durch zu lavieren. Sebastien überlebte jede Runde, gestärkt von seinem Trainer David Pfeiffer, der ihm stetig gute Ratschläge gab und sein Blut aus dem Gesicht wischte.

Die Entscheidung schien auf dem Brett stattzufinden. Obwohl Sebastiens Gehirnzellen einige Probleme gehabt haben sollten, um sich nach der Schlacht im Ring schnell wieder auf die Schachfiguren einzustellen, gelang es ihm schon David in der Bedrouille zu bringen. Wie Napoleon Bonaparte, der mit listigen Tricks halb Europa eroberte, wusste auch Sebastien den werdenden Vater David immer mehr in die Enge zu drängen. Es brachte Kommentator Andreas Dilschneider zu der Bemerkung: ,,Hier brennt das Brett…!”

Gentlemansentscheidung

Sebastien schleppte sich nach einer masochistischen Boxrunde wieder ans Brett, nahm einen wichtigen Zentrumsbauer in Besitz und stellte mit einem Läuferspiess David unter Druck. Das Matt auf der Grundreihe drohte alsbald. Dann kam David ins Schwitzen. Er hätte auf Zeit spielen können, um bei der nächsten Boxrunde den Gegner endgültig zu Boden zu bringen. Aber wie eine richtiger Gentleman erkannte er seine aussichtslose Position beim Schach und gab sich geschlagen.

Pariser Marseillaise bei Platoon

,,Vive la France!”, riefen die mitgereisten Fans aus dem Franzosenland. Ein überglücklicher Sebastien strahlte über beide Ohren. Seine Freundin flog ihm um den Hals und die Marseillaise wurde schon angestimmt. ,,Ich bin total kaputt. Der David hatte eine viel bessere Kondition und ich konnte nur verteidigen”, sagte der Sieger ins CBCB-Mikrofon. ,,Ich brauchte Zeit im Schach”, erkannte der 23-jährige Sebastien.

In der letzten Boxrunde war er oft an Nase und Auge getroffen. ,,Gott sei dank war ich besser beim Schach, sagte Sebastien. Das war meine einzige Hoffnung, und gleichzeitig eine riesige Herausforderung”, so der Student aus Strassbourg.

Sigarren nach dem Sieg

Gleich nach der Siegerehrung steckt er sich eine Zigarette an und trinkt ein grosses Bier. So wie richtige Sportler das eben machen. ,,Der Fernsehturm hat mich gerettet. Mit dem im Rücken gelang alles. Diesen Berliner Horizont werde ich meinen Leben lang nicht vergessen.” Dann bekommt Sebastien vom David eine dicke Zigarre angereicht. ,,Tu as du feu, toi?”

Vor allem Audrey Kern, die junge Freundin von Sebastien, hatte Angst, dass ihrem Helden etwas zustossen würde. ,,Mir war so bange, das etwas schlimmes passieren würde. Der Hannes war schon vom Notarzt weggefahren worden.” Audrey ist aber auch ‘Superstolz’ auf ihren Mann, ,,der zu Hause so lange vor dem Spiegel geübt hat”.

ROB SAVELBERG

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