Intellectual Fightclub Berlin in Festsaal Kreuzberg

Von Vereinsjournalist Rob Savelberg
Fotos Yves Sucksdorff, Rob Savelberg

Schachboxguru Iepe Rubingh hat erfolgreich die Ehre des Chess Boxing Club Berlins verteidigt. In einem sensationellen Kampf gegen einen herausragenden Herausforderer aus Süddeutschland gab der Wahlberliner sich trotz widrigen Umständen nicht geschlagen. ,,Das war denkbar schwierig.“

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Obwohl der Holländer ein Heimpublikum hatte, das bereit war, ihm in der verrauchten Vereinsatmosphäre vom Festsaal frenetisch zum Sieg zu schreien, und obwohl Rubingh als Präsident des World Chess Boxing Organization selber die Schach- und Boxrichter bestimmt hat, Profis mit denen er seit Jahren gut bekannt ist, obwohl er die Regel des Hybridsports festgelegt hat, die Location im Krawallbezirk Kreuzberg ausgekundschaftet hat, den Gegner selber ausgesucht hat, trotz alledem war es für den gebürtigen Rotterdammer nicht einfach zu gewinnen.

Es gab drei schwerwiegende Gründe, warum es für Rubingh fast unmöglich war, am 6. November im Halbschwergewicht zu siegen:

1. Der Firepower von Tim Yilmaz
2. Das rätselhafte Virus, das Rubingh 5 Wochen lang nicht trainieren ließ
3. Der Umstand, dass der ehemalige Geschichtsstudent in der 5. Runde seine Dame abgab.

Es war der Hauptkampf des Abends, wobei Tim Yilmaz in letzter Sekunde als Ersatz für den verletzten Lokalmatador Sebastian Bauersfeld in den Ring stieg. ,,Es ist kein Märchen, dass Iepe Angst hatte, gegen mich zu kämpfen. Aber ich habe mir beim Sparring gegen den Berliner Meister einen Nasenbeinbruch zugezogen“, so Bauersfeld. So konnte er nur in einer überteuerten Ehrenloge des Festsaals den Kampf verfolgen.

,,Iepe hat ein Fitnessproblem gehabt. Er war krank und konnte sich deshalb schlecht vorbereiten. Und sein Gegner hat 10 bis 12 Amateurkämpfe auf dem Buckel“, analysierte Bauersfeld. Der junge Student will nach seinen bisherigen Erfolgen auf internationalen Parket unbedingt gegen Rubingh kämpfen.

Aber zurück zum Ablauf. Halb Kreuzberg behauptete natürlich auf irgendeiner Gästeliste zu stehen, aber an die streng prüfenden Blicken von Katja kam in der Hartz IV-Hauptstadt keiner umsonst vorbei. So wie die Bundesregierung ihr Haushalt langsam im Griff kriegen soll, so gilt dies auch für den Schachboxboxveranstalter. Dutzende Helfer waren am besagten Samstag schon den ganzen Tag in Action, zum Beispiel Tessa Dikker. Diese 29-jährige holländische Hübsche war speziell aus Amsterdam gekommen und hat auf einem heiß begehrten Haschischwochenende in der holländischen Heimat verzichtet, um in der Spreestadt den ersten Kampf seit Jahren zu begutachten. ,,Es ist das erste Mal für mich. Ich boxe selbst auch zu Hause. Ich mag die Kombination zweier extremen Gegensätze.“ Das gilt für mehr Damen, da die erfahrene Sabine Prokscha schon seit Jahren in die Franz-Mett-Sporthalle trainieren kommt. Aber warum es in postfeministischen Kreuzberg keinen Frauenkampf gab? ,,Wenn ich gegen meine Freundin Diana kämpfen würde, dann wird das natürlich Schachkuscheln. Besser wäre es, wenn man die Frauen live aus dem Publikum zum Kampf im Ring auffordern würde“, beteuerte Prokscha, die nach wie vor behauptet, noch keine 30 zu sein.

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Aber Murat, der Organisator des Abends, war nicht zu überzeugen. ,,Keine Experimente!“, war seine Devise. ,,Ich freue mich, dass wir das Schachboxen nach zwei Jahren Abstinenz zurück an seinen Ursprung gebracht haben.“ Murat ist gerade zurück aus Stuttgart, wo er behauptet, die S21-Revolution angezettelt zu haben. Nun richtet der Überzeugungsoptimist den Blick nach Vorne: ,,Wir haben spannende Rookies.“

Und so war es genau

II

Der Fight zwischen Geronimo Barbin und Jonathan Vonneman war der erste des Abends. ,,Ich bekam erst am Donnerstagabend, vor zwei Tagen also, einen Anruf von Iepe: Ob ich nicht kämpfen wollte“, erzählt ein entspannt wirkenden Geronimo im Souterrain. Sebastian aus Südtirol war wegen einer Schulterverletzung ausgefallen und Anatol bekam angeblich Muffensause. Also sagte Geronimo zu. ,,Ich bin überhaupt nicht vorbereitet, aber ich bin bereit“, lacht der junge Sportler. Seine blonde Freundin guckt währenddessen etwas besorgt.

Dann geht es in den Ring. Die Töne von ‚Killing in the Name of’ klingen in Kreuzberg. Die Erfahrene Schachschiedsrechter Jan Schulz und Ringrechter Holger Prokot wachen über die Regeln. Auf dem Brett wird schnell rochiert. In der ersten Boxrunde überraschen beide Kämpfer mit schnellen Serien. Unter den Zuschauer kursiert das Gerücht, das Vonnemann ein begeisterter Computergamer ist. Jedenfalls analysiert Andreas Dilschneider, de Schachkommentator, dass Geronimo beim Boxen ‚Druck machen muss’: Jonathan soll dagegen ‚eine schnelle Entscheidung auf dem Brett herbeikämpfen’. Dazu müsse er Material opfern. Pferde und Läufer werden getauscht. Und dann passiert eine Katastrophe: Geronimo verliert seine Dame. Schon in der 2. Schachrunde. Jetzt ist es alles oder nichts.

,,Gerooooooooooooniiiiiiiiiiimmmmmmmmmmooo!“

…ruft jemand im Saal. Und dann, in der 3. Boxrunde, schlägt Geronimo zu. Rechter Haken. Vonnemann geht zum Boden. Knock Out. Nach einer Arthur Abraham-links-rechts-links-rechts-links-rechts-Serie. Geronimo gibt einen auf Mr. Cool. Bleibt in der Ring Ecke warten. Sein Oberkörper ist mit Blut beschmiert. Ringärzte kümmern sich um den Verlierer, der bald wieder auf zwei Beinen steht.

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III

Vonnemann, der Ältere versus Nils Becker, ist The Next Fight of The Night. Valentin Vonnemann, 26, hat ein Elo-Rating von 1675, ist dreifacher Firmengründer und spielt mit Schwarz. Becker wird als ‚Das Absolute Vereinstalent’ angekündigt, ist 22 Jahre alt und mit einem Elo-Rating von 2120 eigentlich unschlagbar. Zudem ist er dreifacher deutscher Landesmeister im Schach. Der Student Energie- und Prozesstechnik aus Erkner hat eine Boxschule von Graciano Rocchigiani besucht, dem früheren Weltmeister.

Der zweite Kämpfer aus der Vonnemann-Dynastie wusste, dass es schwer werden sollte. Sein Gegner hat Rugby-Erfahrung und ist Bundesligaschachspieler. In der 2. Schachrunde wird sein Springer gefesselt. Becker liegt sofort im Vorteil. Kommentar Andreas Dilschneider: ,,Valentin braucht ein K.O.“ Eine Schachrunde später gibt es einen überragenden Vorteil für weiß. Beim Boxen landet Becker auch schwere Treffer. Dann manövriert Vonnemann seine Dame nach dem Feld A7. Ein Fehler. Der gegnerische Läufer schlägt die Dame. Vonnemann weiß, dass er alles im Ring geben muss. Er schlägt Becker eine blutige Nase. Noch 57 Sekunden. Vonneman muss Blitz spielen. Aber Becker gibt Schach. Dann fällt die Schachuhr. Game Over.

Nach dem Kampf. Unten in der Kabine. Vonnemann: ,,Ich fühle wenig Schmerzen. Wollte ihn K.O. schlagen. Aber das ist nicht so einfach.“ Was sagte Trainer Frank? ,,Er machte mir Mut, genau wie meine Mutter und meine Schwester. Die haben mir einen Steak gemacht“, so der Student Machinenbau. Dann kommt Becker angelaufen. Die Jungs machen Shake Hands. Beckers Vater steht daneben: ,,Meine Gefühle spielen Achterbahn.“

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Vor der Tür der Umkleidekabine stehen noch mehr Fans. ,,Ich war schon seit einigen Jahren nicht mehr in Berlin“, behauptet ein langer Zeitgenosse, der Iepe ähnelt und blond und Brillenträger ist. Es ist der Bruder unseres Vorsitzenden: ,,Unglaublich, dass dieser Sportart die Welt erobert und alles mit Comic von Enki Bilal angefangen hat. Im ‚Kalten Äquator’ geht es um eine fiktive, futuristische Welt im Jahre 2034, um die Suche nach dem perfekten Menschen in einer faschistischen Diktatur. Der Held der Geschichte muss in Ostafrika seinen Gegner besiegen, verprügelt dem Bösewicht mit einem blutigen Springer in seinem Boxhandschuh.“ Vor vielen Jahren machten sich die Brüder Rubingh zusammen zum Comicheftladen im Oude Noorden in Rotterdam auf dem Weg. Diesen Pilgergang hat die Weltgeschichte beeinflusst: ,,Wir haben einen Geschenk für meinen Vater gesucht. Das hat Folgen gehabt.“

IV

Oben ging es dann um den Hauptkampf des ausverkauften Hauses. Preußen gegen Bayern, ‚Iepe the Joker’ gegen The Bavarian Beast’. Nach dem klingen des Gongs war sofort klar, dass Tim Yilmaz aus München nicht bereit war, nur seine Startprämie abzuholen. Der angehende Geologe landete knallharte Punches auf – und durch die Deckung von Rubingh. Iepe hat sich eine Strategie überlegt. Angesichts seiner schwachen Gesundheit hat er eine lange Rochade mit einem Sturmangriff mit den weißen Figuren auf den schwarzen Königsflügel vorbereitet. Bestimmte Quellen sprechen davon, dass Schachrichter Schulz, der als Unparteiischer über den Kampf wachte, mehrmals in den Wochen vor dem Kampf in der Rubinghs Wohnung an der Kastanienallee gesichtet wurde…

Aber die Strategie wird nicht konsequent durchgesetzt. Anstatt den Turm auf der G-Linie zu halten und den Bauer nach H5 zu ziehen, verschiebt Rubingh (dem von seinem eigenen Verband WCBO ein Elorating von 1850 attestiert wurde) seinen Turm unnötig nach F1. Er hatte schweren Druck aufbauen können, holte den Dampf aber aus dem Kessel raus. Dann verliert er im Black Out seine Dame. Und der amtierende Weltmeister, der nach seinem Kampf im Amsterdamer Poptempel Paradiso 2003 nicht mehr offiziell angetreten ist, steht sofort Schach. Er steht mit dem Rücken zur Wand.

Aber Wunder passieren, auch im Sport. Die 3. Boxrunde verzichtet der bayerische Matador auf seine harten Schlägen (,,Ich wollte Iepe sich ermüden lassen.“) Ob das die richtige Taktik war, scheint sehr zweifelhaft. Im Umkehrschluss hätte Yilmaz seinen Gegner wahrscheinlich viel mehr in Bedrängnis gebracht, wenn er weiterhin zugelangt hätte. Doch Iepe gewinnt die Runde. Und später verliert auch schwarz seine Dame. Ist der Kampf gekauft, fragen sich manche verzweifelten Zuschauer. ,,Rubingh durfte heute hier in Berlin nicht verlieren. Der andere hat absichtlich seine Dame weg gegeben“, beobachtete ein Herr, der nur Mark genannt werden wollte, zur späteren Stunde bei der After Party im Würgeengel.

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Yilmaz gibt auf. Rubingh siegt. Oranje Boven! Dem Holländer wird wie ein Lokalheld in Deutschland beklatscht. Es fühlt wie ein Heimsieg. Groupies drängen sofort zum Ring um sich mit dem Sieger fotografieren oder ein Autogramm auf den Minirock schreiben zu lassen. Ein Matjesfreund aus einem kleinen Königreich an der Nordsee schreit: ,,Wir sind die Besten. Nicht nur von Amsterdam, aber auch von Rotterdam, München, und auch von … Berlin!“

Trainer David Pfeifer ist überglücklich: ,,Ich habe heute drie mal gewonnen. Alle meine Kämpfer haben gesiegt“, so der Biograph von Max Schmeling. Über Rubingh: ,,Er ist nervenstark und ehrgeizig. Als Coach habe ich ihm geraten, nach Plan zu boxen, die Distanz zu verkürzen, zu klemmen und gut zuzumachen.

Nach 3 Stunden Interviews findet Yilmaz auch eine Minute Zeit für die CBCB-Site. Er erklärt sofort: Ich hasse verlieren“, so der Gründer des ersten Münchner Schachboxclubs. ,,Ich habe einen Fehler gemacht. Irgendwann sah ich auf die Uhr. Ich hatte nur noch 2 Minuten Zeit. Iepe dagegen 8 Minuten. Da bin ich verkrampft. Die Uhr machte mir Angst. Ich konnte nicht mehr klar sehen. Dachte er nimmt meinen Turm. Beachtete meinen Springer nicht mehr bei einem Bauerngabel.“

Später befragt Schachkommentator Andreas Dilschneider Rubingh fürs vereinseigene CBCB-Fernsehen: ,,Hat Tim aufgegeben, da er unterm Druck des Damenverlusts die Nerven verloren hat?“ Unabhängige Schachboxwissenschaftler vermuten, dass einem dort die Sicherungen durchbrennen. Rubingh aber konzentriert sich auf seine Stärken: ,,Meine Deckung war prima. Und seine Schläge taten mir nicht weh. Die waren ungenau. Ich wusste, er kann mich nicht umhauen.“ Schachrichter Jan Schulz versteht schon, warum Yilmaz verlor. ,,Er brauchte zwei bis drei Minuten für fünf schlechte Züge. Dann verlor er seine Dame. Psychologisch ist das ein Albtraum. Das lähmt. Er war blockiert. Rubingh: ,,Und später sah ich auf die Zeit und wusste, ich jage ihn durch die Uhr! So wie ich das immer gemacht habe.“

Noch bevor der Performancekünstler seinen ersten Schluck vom Siegesbier trinken konnte, wurde er schon von diversen Herausforderern belagert. Alle forderten im verrauchten Festsaal-Souterrain lautstark einen Rematch. Zum Beispiel Tim Woolgar, der Don King des Great Brittain Chess Boxing Clubs: ,,Iepe can not retire right now. Except he fights me! He has got the yellow fever!“ Für diejenigen, die das anglosachische Algebra nicht beherrschen: Der Engländer hat Iepe aufgefordert, seinen inneren Schweinhund zu überwinden, seine Handschuhe nicht dem Schachboxmuseum abzugeben, sondern noch mal gegen ihn zu kämpfen.

Woolgar wusste, wie schwer der Kampf war: ,,I know from my own experience: It’s no good idea to be a promotor and a fighter at the same time.“ Aber Woolgar hat das schon mehrmals erlebt. Im Chess Box Hot Spot at The Boston Dome at Tuffnel Park hatte er schon Smoking angehabt, drei Bier getrunken und nervös Zigarren geraucht, als ihm die Nachricht erreichte, dass ein Kämpfer aus bisher ungeklärten Umständen nicht kommen konnte. Woolgar brauchte keine Sekunde Bedenkzeit, sondern verschwand in die Umkleidekabine, kam oben ohne wieder raus, ging in den Ring und prügelte sich vor 500 jubelnden Inselbewohnern mit seinem besten Freund. Jetzt wirft er den Berlinern Kollegen der CBCB den Handschuh zu: ,,Come on Guys. London is stronger, faster, fitter, tougher!“