It’s a knock-out on the chess board!

Ein Erlebnisbericht aus England +++ Chess Boxing in London +++ März 2010 +++ von Schachboxreporter Rob Savelberg +++ All fotos by James Bartisok

LONDON -
Fünfhundert überwiegend junge Zuschauer warten in ‚The Boston Dome’ auf drei viel versprechende Schachboxkämpfe. Der ehemalige Ballsaal platzt aus allen Nähten. Warum? Weil Chess Boxing auf der Insel gerade schwer angesagt ist.

Die Engländer führen den Berlinern peinlich vor, wie man im Jahre 2010 den am schnellsten wachsenden Sport auf dem Planeten umsetzt – in Entertainment pur. In London können untrainierte Laien einander gnadenlos verprügeln, leicht bekleidete indische Mädels auf Stilettos schwingen den Hoola Hoop. Und, um den Endloswinter loszuwerden, hat Schachboxguru Tim Woolgar sogar fünf Veranstaltungen angekündigt. Das Publikum ist laut, lustig und freut sich auf ein Super-Highlight bei der Aftershow: den mittlerweile legendären Tanz im Ring.

In Berlin sind gerade leider keine Kämpfe geplant. Es wird fleißig in der Franz Mett-Sporthalle trainiert, aber für heiße Schlachten muss man ins Ausland fahren. In letzter Zeit gab es Kämpfe in Krasnojarsk, Los Angeles und Paris. Nicht aber im Mutterland des Schachboxens.

,,Are you ready for chessboxing?“

Zurück zum Tuffenal Park, wo der Tube pausenlos Hipster und Fashion Victims ausspuckt. Sie kräftigen sich im ‚Spaghettihaus’ und stehen dann Schlange vor dem Boston Dome. Einmal drinnen nähert sich die Spannung dem ersten Höhepunkt. Um Punkt 20 Uhr werden die Scheinwerfer eingeschaltet. Rauch steigt auf. Die Klänge von ‘Eye of the Tiger’, die Musik der Rocky-Filme, sind zu hören. Ein grauhaariger schwarzer Schnauzbartträger in einem dunkelblauen Kostüm der dreißiger Jahre, komplett mit Stock und Zylinder, fragt die Anwesenden: ,,Are you ready for chessboxing?“ Ein langer Jubel setzt ein. Count Indigo führt seine Freak Show vor und heizt die Stimmung an. Ein Hauch von Blaxploitation hängt in der Luft.

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Dann betritt Daniel Lizarraga, der Raging Bull aus Pamplona, den Ring. Er hat vergangenes Jahr Sascha Wandkowsky bezwungen und möchte nun einen zweiten Berliner besiegen. Genau das will Sebastian Bauersfeld, das jüngste Talent aus dem Stall von Schachboxpromoter Iepe Rubingh, verhindern. Aber Bauersfeld hat Probleme. Beim gemeinsamen Sparring hat er sich eine Handverletzung zugezogen. Und sein erfahrener Trainer David Pfeifer steht an diesem Samstagabend nicht in der Ringecke.

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,,Das war suboptimal”

Am Anfang des Mittelgewichtskampfes scheint Bauersfeld etwas unsicher. Er bewegt seinen Läufer zu viel über die Felder. ,,Das war ein Fehler, das war suboptimal”, gibt der 26-jährige Informatikstudent später in einem Exklusivinterview im Privatjet zu. Beim Boxen fängt der deutsche Herausforderer besser an. Er kombiniert gut und weicht den brutal harten Haken von Lizarraga professionell aus, um gleich mit schnellen Serien zu punkten.

IM Malcolm Pein- der bekannteste englische Kommentator in Sachen Schach, der einen Laden in London besitzt, wo Gari Kasparov ein und aus geht – guckt Bauersfeld skeptisch über die Schulter. In der zweiten Schachrunde greift Lizarraga seinen deutschen Gegner frontal an. ,,Ich sah den aufgeregten Pein und wusste, meine Lage ist aussichtslos. Ich war leichtsinnig und habe zu schnell gezogen. Mein Gegner hatte viele Möglichkeiten anzugreifen, und ich stand schlecht.“ Konzentration und coole Nerven werden jetzt alles entscheiden.

Das Glück scheint anschließend doch auf Bauersfelds Seite zu wechseln. ,,Lizarraga wartete zu lange. Dann habe ich die verlorene Figur zurück geholt.“ Die zweite Boxrunde gipfelt in einer wilden Keilerei, registriert Referee Renaldo Dominguez aus Kuba, ein früherer Jugendweltmeister.

,,Black has got a problem“

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Die dritte Schachrunde endet grausam. ,,Black has got a problem“, flüstert mein Nachbar im Publikum. Man würde dem mit schwarz spielenden Bauersfeld am liebsten unter den Kopfhörern soufflieren wollen. Dann schafft der Belagerte doch noch die Rochade als Rettung: ,,So brachte ich Sicherheit in die Stellung.“

Keine Gnade für den Kontrahenten – so sieht die dritte Boxrunde aus. Knallhart sprechen die Fäuste. Bauersfeld bringt dem Spanier mit harten Schlägen das Fürchten bei. Lizarraga ist in Bedrängnis. Bauersfeld schafft es irgendwie, sich zurück in den Kampf zu kämpfen. Ein gelungenes Comeback.

Sieg für den Tapasfreund aus Pamplona

In der nächsten Schachrunde begeht Bauersfeld einen illegalen Zug. Er bekommt vom serbischen Schiri Rejko Vujotivic eine Strafe. Kostbare Zeit geht verloren. Irgendwann hat er nur noch 49 Sekunden, und sein Gegner noch mehr als drei Minuten. ,,Ich musste ihn knock-out schlagen. Ich hatte ein Paar Fehler begangen, aber eine bessere Stellung. Auch im Endspiel habe ich nicht alles richtig gemacht.“

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Letztendlich zwingt Bauersfeld, obwohl beim Schach leicht überlegen, Lizarraga doch nicht in die Knie. Remise. Er verliert das Schachboxduell sogar, weil der Boxschiri den Tapasfreund aus Pamplona den Sieg schenkt, obwohl der mit einem unerlaubten Kopfstoß einen Punktabzug bekommt. ,,Das war eigentlich untransparent“, so Bauersfeld: ,,Das geht eigentlich nicht. Es war kein sauberer Kampf. Er schlug die ganze Zeit mit offenen Händen. Das ist verboten! Ich will eine Revanche.“

Etwas früher am Abend fand ein ‚Charity-Kampf‘ zwischen einem Fernsehproduzenten und einem Journalisten statt. Diverse Quellen beichteten, es sei nicht hochkarätig, jedoch unterhaltsam gewesen. ,,Die hatten gar keine Deckung. Das war lustig“, so ein Insider.

Hauptkampf im heavyweight

Der Hauptkampf des Abends steigt im heavyweight. Hubert van Melick, der Ex-Banker, der als fliegender Holländer in der Londoner City seinen Finanzjob verloren hat, konnte nicht antreten. Also steigt der charmante Cheforganisator des Abends selbst in den Ring. Sir Tim Woolgar nimmt den Handschuh gegen Sergio Leveque auf, einen Italiener, dem nach einem Motorradunfall 2005 gesagt wurde, er würde nie mehr laufen können. Ein Missverständnis. Leveque erkämpfte sich seine Fitness zurück und spielt inzwischen in der Serie A Schach.

Woolgar darf also einen starken Opponenten erwarten. Er hat jedoch keine Angst, zeigte schon im Oktober 2009 Courage, als einer seiner Kämpfer nasse Füße bekam, er selbst ran musste, seinem Smoking aus zog, zwei Bier trank, sich mit Zigaretten warm machte und die Zuschauer mit einem Hammerkampf beglückte.

,,It’s a knockout on the chess board“

Leveque hat den Prodigy-Soundtrack ‚Firestarter’ für sein Finale gewählt. Woolgar tanzte sich mit ‚Jump around’ von House of Pain in den Ring. Der Gastherr bekommt jedoch direkt nach dem Eindrücken der Schachuhr mächtig Gegenwind. Ein frontaler Angriff auf seinen Königsflügel bringt in der fünften Runde die Entscheidung. ,,It’s a knockout on the chess board“, jubelt der Ringannouncer.

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Und dann steigt die Party, worauf sich viele schon im Vorfeld gefreut hatten. Im Ring, so wie in London ausdrücklich erlaubt ist. Das war die ‚soziale Plastik’, die Schachboxurgestein Iepe Rubingh sich gewünscht hat. Für ihn ist der Kombinationssport eine Möglichkeit um total unterschiedliche Menschen – Strickpulli tragende Schachspieler und mit der Faust denkende Boxer – miteinander in Kontakt zu bringen.

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Olaf Schlippe, spezial für den Kampf aus Berlin eingeflogen: ,,Ich war begeistert. Nächstes Mal trete ich auch in den Ring. Nicht vergessen: Ich habe den Schiri Rejko Vujotovic geschlagen.“

Die Freunde in der Heimat

Es war ein gelungener Abend, wie immer im Boston Dome. ,,I am glad you Berliners made it“, sagte Tim Woolgar um 03.30 Uhr bei einem Pint im Pub. ,,But it’s a shame you don’t have games now.“ Auch Bauersfeld ist der Meinung: ,,Ich würde gerne meine Freunde in der Heimat für einen Fight von mir einladen. Das letzte Mal war 2007.“

Nach seiner Niederlage lacht er gelassen. ,,Ich bin nicht so zufrieden, weil ich verloren habe. Meine Mutter aus Mahlsdorf wird enttäuscht sein. Aber es war sehr cool. Obwohl meine schon vorher verletzte Hand jetzt so dick wie ein Taubenei ist.“