Schachboxen in München

Boxenplak2005-3

In München fand am 2. April im Rahmen des Internationalen Frühjahrsbuchwoche München einen Demonstrationskampf zwischen Frank und Iepe statt. Frank spielte sehr solide und gewann mit einem sauberen Schachmatt in der 9. Runde.

Hierunter folgt den Beitrag zum Katalog:

SCHACHBOXEN

Als Kind habe ich nicht nur die halbe Bibliothek, in der meine Mutter arbeitete, sondern auch mindestens 5 Mal jeden Comic aus meines Vaters Sammlung gelesen.

Viele meiner künstlerischen Arbeiten wurden inspiriert von Comics.

Der Comic ‘Mondgesicht’ von Jodorowsky und Boucq war Grundlage meiner „Absperr-Joker-Performance“ in Berlin und Tokyo. Die Freiheit und Immunität des Comic-Helden hat mich inspiriert, mit mehreren Helfern und 5000 Meter Absperrband an den großen Straßenkreuzungen anzubringen, um den Verkehr zum Erliegen zu bringen..

Die Comicsammlung meines Vaters besteht aus alten Marvel-Comics (viel Spiderman), alten holländischen Fußball Comics (Kick Wilstra) und modernen Büchern von u.a. Jodorowsky, Moebius, Schuiten & Peeters, und eben alle Werke von Enki Bilal

Bereits als Sechszehnjähriger haben mich die zynisch-politischen, aber genauso märchenhaften Geschichten von Enki Bilal fasziniert. Ihre Dialektik hat mich immer wieder bezaubert. In seinen sorgfältig gezeichneten und grausamen Welten haben die Funken des Lichts immer auch etwas Blendendes: Als die Mienen in der Atomkraftanlage immer hässlicher werden, fängt das Dorf langsam an zu fliegen.

Als ich mit Luis (spätere Kampfname: Luis the Lawyer) in einer Kneipe über Boxen (wobei wir früher gerne gegeneinander Schach gespielt haben) diskutierte, ist mir dann die Geschichte von Nikopol eingefallen. „Nikopol vs John Elvisson“. Dies war kein gewöhnlicher Kampf: es war ein SCHACHBOXKAMPF.
Das wollten wir auch machen! Amsterdam gegen Berlin. Der Anwalt gegen den Narr. Der Mann des Gesetzes gegen den Künstler mit Narrenfreiheit. Luis the Lawyer vs Iepe The joker!
Tausend Themen sind damit verbunden: Geist und Körper, Aggression und Beherrschung, das Durchbrechen des Denkens in Fächern. Gefundenes Fressen für mich.! Und dann die Idee, es als echte Sportart in der Gesellschaft zu etablieren und alle Kunst hinter mir zu lassen. Ich hatte schon mit vielen meiner Arbeiten versucht, die klassische Kluft zwischen Gesellschaft und Kunst zu umgehen oder sogar aufzuheben.

Mittlerweile hat sich das Konzept des (realen) Schachboxens als eigenständige Sportart rasant weiter entwickelt. Es gibt einen Dachverband: die World Chess Boxing Organisation. Die Aufgabe der WCBO ist es, die Sportart auf alle fünf Kontinenten zu verbreiten. Alles nach dem Motto ‘Gekämpft wird im Ring und Krieg geführt auf dem Brett’ und eben nicht auf der Straße oder im Nahen Osten.
Dieser Gedanke hängt zusammen mit der Kern der Schachboxidee. Wenn du nach einer Runde Boxen zum Schachbrett zurückkehrst, brauchst du absolute Kontrolle über Geist und Körper, um dich zu konzentrieren auf das Schachspielen. Wenn man über den Kampfsport Nummer eins, das Boxen, sagt, dass man seinen Gegner nur durch kontrollierte Aggression besiegen kann, so setzt das Schachboxen noch einen drauf und vervollständigt das Prinzip kontrollierter Aggression.

Seit letzten Sommer gibt es den ersten Schachboxverein der Welt in Berlin. Ab Februar wird in Köln trainiert. Boxvereine in Boston (USA), Pulla (Kroatien) und Quebec sind dabei, Schachboxtraining anzubieten. Die Idee des Schachboxens hat die Kunstwelt längst verlassen.

Wenn ich zurückdenke an den Comic, fällt mir auf, wie sehr ich versucht habe, Schachboxen von Anfang an positiv zu besetzen. Dabei war die Idee von Enki Bilal eher zynisch gemeint: In einer extremen Diktatur repräsentierte das Schachboxen eine Sportart mit stark faschistoiden Aspekten.
Irgendwann werde ich mit Enki Bilal an einem Tisch sitzen, und ich bin sehr auf seine Meinung darüber gespannt, in welcher Weise aus seinem Comic inzwischen Realität geworden ist.

©Iepe B.T.Rubingh, 2006

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